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10. Aug 2021

Andreas Keel, Geschäftsführer von Holzenergie Schweiz, verweist auf das heute immer noch brachliegende Potential an Energieholz, mit dem man jährlich noch zusätzlich rund eine halbe Million Tonnen Heizöl ersetzen könnte. ©Bild: Holzenergie Schweiz

Holzenergie: Eine Erfolgsgeschichte geht weiter – ohne Holzenergie keine Energiewende

(Holzenergie Schweiz) Andreas Keel ist Forstingenieur und Geschäftsführer von Holzenergie Schweiz. Er engagiert sich seit dreissig Jahren mit Herzblut für die Förderung der nach der Wasserkraft zweitwichtigsten Schweizer Energiequelle. Massgeblich hat er zur Erfolgsgeschichte der Holzenergie beigetragen, die heute fast jedes achte Gebäude in der Schweiz mit klimafreundlicher, erneuerbarer, einheimischer Wärme versorgt.

Im Juni hat das Schweizer Volk das CO2-Gesetz abgelehnt. Pessimisten sehen die Schweizer Energie- und Klimapolitik nur noch als Trümmerhaufen und unsere im Rahmen des Pariser Klimaabkommens eingegangenen Verpflichtungen zur Senkung der Treibhausgase als hohle Phrasen. Doch die Welt dreht sich weiter, und die Notwendigkeit, die Klimaerwärmung möglichst auf 1,5 Grad Celsius im Vergleich zum vorindustriellen Zeitalter zu beschränken, hat nichts von ihrer Aktualität und Dringlichkeit verloren. Andreas Keel, Geschäftsführer von Holzenergie Schweiz, hat sich stark für das CO2-Gesetz engagiert. Wie fühlt er sich nach der hauchdünnen Niederlage? Christoph Rutschmann (CR) hat nachgefragt.

CR: Herr Keel, wie beurteilen Sie den Volksentscheid gegen das CO2-Gesetz?
Andreas Keel (AK): «Wir mussten schon recht früh damit rechnen, denn die terminliche Verknüpfung mit den Abstimmungen über die Agrarinitiativen war für das CO2-Gesetz sehr ungeschickt. Da war insgesamt für viele Leute wohl zu viel «Grün» drin. Es wäre nun komplett falsch, den Entscheid als Verdikt gegen die einheimischen und erneuerbaren Energien zu interpretieren. Gerade im ländlichen Raum geniesst zum Beispiel die Holzenergie einen sehr hohen Stellenwert. Die Leute wissen ganz genau, dass sie mit der nachhaltigen Nutzung des Waldes grosse Mengen fossiler Energie ersetzen können und damit regional verankerte Arbeitsplätze in verschiedensten Branchen schaffen.»

Woher nehmen Sie diese Gewissheit?
«Ganz einfach: in den letzten Jahren entstanden auch im ländlichen Raum zahlreiche Holzenergieprojekte. Heizzentralen, die mit Holzhackschnitzeln direkt aus dem lokalen und regionalen Wald betrieben werden und via Wärmenetze ganze Quartiere und Gemeinden mit Wärme versorgen. Die Anlagen sind bewährt, robust und zuverlässig. Solche Projekte basieren meistens auf Volksentscheiden in den Gemeinden. Sie sind sozusagen basisdemokratisch legitimiert und deshalb in der Bevölkerung sehr gut verankert. Die Leute wollen erneuerbare Energien nutzen, wenn diese derart gut funktionieren wie die Holzenergie.»

Ein Blick auf die offizielle Holzenergiestatistik des Bundesamts für Energie (siehe pelletpreis vom 21.7.21 >>) gibt Andreas Keel recht: Die Anzahl der Schnitzelheizungen hat sich seit 1990 von etwa 3200 auf rund 11’300 Anlagen mehr als verdreifacht, und die damit genutzte Holzmenge stieg gleichzeitig gar um das Fünffache – von gut 400'000 auf über 2.3 Millionen Kubikmeter (Festmeter). Zudem erschliessen seit einigen Jahren die Pelletheizungen neue Marktsegmente und nutzen heute bereits deutlich über eine halbe Million Kubikmeter Holz. Das ist eine eindrückliche Entwicklung. Doch wie weit kann sie noch gehen, ohne den Wald zu übernutzen?

Herr Keel, muss man nicht langsam Angst haben, dass dem Wald das Holz ausgeht?
«Es ist schön, dass sich die Leute Sorgen um den Wald machen. Die Sorgen sollten sich aber nicht um die Frage seiner Übernutzung drehen, denn auch heute noch wächst im Schweizer Wald viel mehr Holz nach als wir nutzen. Sehr strenge gesetzliche Rahmenbedingungen verunmöglichen in der Schweiz eine Übernutzung des Waldes. Die Sorgen sollten sich vielmehr mit den Auswirkungen der Klimaerwärmung auf den Wald befassen. Beispielsweise mit der Tatsache, dass unsere wichtigsten Baumarten im Mittelland, das sind die Buche, Rot- und Weisstanne, in den nächsten Jahrzehnten den Hitze- und Dürreperioden nicht werden standhalten können und durch klimaresistentere Baumarten zu ersetzen sind. Der «Umbau» des Waldes ist eine gigantische Herausforderung. Er wird die anfallenden Holzmengen noch deutlich erhöhen. Und je höher künftig der Anteil an Laubbaumarten wird, desto höher wird der Anteil an Energieholz. Dabei werden wir immer darauf achten, dass die Nutzung im Kreislauf der Natur stattfindet, dies im Gegensatz zum Raubbau, der für die fossilen Energien oder für das Uran betrieben werden muss.»

Können Sie eine konkretere Aussage über das noch brachliegende Energieholzpotential machen, oder anders gefragt: wohin wachsen die Bäume noch?
«Wir haben soeben die aktuellsten Zahlen der Schweizerischen Holzenergiestatistik 2020 des Bundesamts für Energie erhalten. Aktuell liegt die Jahresnutzung bei knapp 5.6 Millionen Kubikmetern. Diese Holzmenge ersetzt umgerechnet mehr als eine Million Tonnen Heizöl und erspart der Atmosphäre rund 3.3 Millionen Tonnen zusätzliches CO2. Das relativ einfach nutzbare, zusätzliche Potential liegt zwischen 2.0 und 2.5 Millionen Kubikmeter. Davon stammen gut 1 Million Kubikmeter direkt aus dem Wald. Landschaftspflegeholz, Restholz aus der Holzindustrie sowie Altholz liefern den Rest. Grob gesagt könnten wir die heutige Nutzung also problemlos um über 40 Prozent erhöhen und damit etwa eine halbe Million Tonnen klimaschädliches Heizöl bei den Ölscheichs und Oligarchen lassen. Besonders reizvoll finde ich die damit verbundenen ökonomischen Aspekte. Eine halbe Million Tonnen Heizöl kosten derzeit mehr als 50 Millionen Franken. Dieses Geld würde man doch lieber dem einheimischen Gewerbe geben als dem Multimilliardär in Saudi-Arabien.»

Die Zahlen sind eindrücklich, die Holzenergieförderung kann und soll also noch Jahre weitergehen. Die wirtschaftlichen, energie- und klimapolitischen Vorteile leuchten ein. Der Anteil der Holzenergie am Sektor Gebäudeheizung liesse sich in der Schweiz auf 16 bis 18 Prozent steigern. Dies ohne Übernutzung des Waldes oder Konkurrenzierung qualitativ höherwertiger Holzsortimente für die Bauwirtschaft oder Möbelindustrie. Soweit so gut, aber über die Umweltverträglichkeit haben wir noch nicht gesprochen. Man hört immer wieder von den problematischen Feinstaubemissionen, die mit den Holzfeuerungen verbunden sind. Wie steht Andreas Keel dazu?

Auch letzten Winter war Feinstaub aus Holzfeuerungen ein Thema. Hat die Branche die Hausaufgaben nicht gemacht?
«Seit 1990 hat die Menge des genutzten Energieholzes von 3.25 Millionen Kubikmeter auf knapp 5.6 Millionen zugenommen. Gleichzeitig nahmen die Feinstaubemissionen aus allen Holzfeuerungen um zwei Drittel ab – von fast 7000 auf 2000 Tonnen pro Jahr! Mehr Holzenergie bedeutet also weniger Feinstaub! Gemessen an ihrer quantitativen Bedeutung stossen die kleinen, von Hand beschickten Feuerungen etwas mehr Feinstaub pro produzierte Kilowattstunde Energie aus. Aber auch hier – wie bei allen anderen Feuerungskategorien – hat der technische Fortschritt eine ausserordentliche Reduktion der Emissionen ermöglicht. Holzenergie Schweiz fordert zudem schon seit Jahren harte Sanktionen gegen «Schwarze Schafe», welche feuchtes oder belastetes Holz oder gar Abfälle verbrennen.
Unsere Luftreinhalte-Verordnung LRV wurde vor 2 Jahren wieder verschärft. Die heute geltenden Emissionsgrenzwerte sind das Resultat eines intensiven politischen Prozesses, in welchen alle betroffenen Kreise und Institutionen involviert waren. Aus meinem Demokratieverständnis sollten wir diese Vorschriften nun akzeptieren und vollziehen und nicht immer wieder im Grundsatz in Frage stellen. Mir kommt das vor, wie wenn man einem Autofahrer ständig vorwirft, dass er auf der Autobahn mit 120 Stundenkilometer unterwegs ist. Seit 2 Jahren haben die Vollzugsbehörden also nicht nur die Möglichkeit, sondern auch die Pflicht, kleine Holzfeuerungen zu messen und zu kontrollieren. Wenn immer noch Anlagen mit zu hohen Feinstaubemissionen in Betrieb sind, wird die LRV offensichtlich noch nicht konsequent genug vollzogen. Klar ist aber, dass die Sanierung alter Holzfeuerungen ein wichtiger Beitrag an die weitere Senkung der Feinstaubemissionen ist.»

Die starken Aussagen stützt Andreas Keel unter anderem auf einen im April 2021 zuhanden des Bundesamtes für Umwelt BAFU verfassten Bericht eines Expertengremiums ab. Zusammenfassend kommt man zum Schluss, dass die vollständige Nutzung der erneuerbaren und klimaneutralen Energie aus unserem Wald ein Gebot der Stunde ist. Dies führt zur letzten Frage.

Welche Hürden müssen fallen, damit das heute noch brachliegende Energieholzpotential möglichst schnell und vollständig verwertet wird?
«Die grösste Hürde sind die Scheuklappen in unseren Köpfen. Sie hindern viele Menschen daran, nach links und rechts zu schauen und einen Überblick über das Ganze zu erhalten. Stattdessen richten wir unseren Blick starr auf einen einzelnen Teilaspekt, blenden alles andere aus und finden so natürlich problemlos einen Vorwand, um das Ganze abzutun. Der Feinstaub oder der verklärte Wunsch nach einem unberührten, CO2-speichernden «Märchenwald» sind schöne Beispiele für diese Art von Luxusproblemen.»

Text: Holzenergie Schweiz

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